• 10. August 2013 | von Von KLaus Trapp

    Hobbits an der Orgel

    DARMSTADT. Der aus Rom stammende Organist Marco Lo Muscio spielte beim Orgelsommer in der Darmstädter Pauluskirche vor allem eigene Werke und Bearbeitungen von modernen Rock- und Filmmusiken. Lo Muscio zog dabei gleichsam alle Register der großen Schuke-Orgel.

    „The Mystic and Progressive Organ“ lautete das Motto des sechsten Sommerorgelkonzerts in der Pauluskirche. Der italienische Organist Marco Lo Muscio hatte ein Programm zusammengestellt, das ausschließlich Werke des 20. und 21. Jahrhunderts enthielt. Trotzdem hielt sich die Progressivität in Grenzen, da die vorgetragenen Kompositionen alle im Rahmen einer klar erkennbaren Tonalität blieben. Und das mystische Element sprach eher aus den Werktiteln als aus der Musik selbst. Den Rahmen steckten die beiden Stücke ab, die Lo Muscio zu Anfang spielte: das kurze Tongedicht „Prayer of St. Gregory“ des Amerikaners Alan Hovhaness und die „Pièce modale Nr. 3“ des Franzosen Jean Langlais changieren zwischen frei schweifender Harmonik, eingängiger Melodik und ostinater Rhythmik. Bei der Wiedergabe zeigte sich Marco Lo Muscios Vorliebe für eine reiche Palette der Klangfarben.

    Hier knüpften unmittelbar zwei Eigenkompositionen des Organisten an: die knappe, liedhafte „Vocalise Nr. 1 (To my mother)“ und die weit gespannten Konzertvariationen über „Greensleeves“. Bei der Wiedergabe demonstrierte Marco Lo Muscio blühende Klangfantasie und stupende technische Gewandtheit. Das meditative Stück „Hands of the Priestess“ von Steve Hackett, einem ehemaligen Mitglied der Band „Genesis“, erklang in einer geschickten Orgelbearbeitung Lo Muscios, die chromatisch durchsetzte „Neogothic Toccata“ mit dem Beinamen „Rieger“ von Paolo Lazzeri gab dem Solisten Gelegenheit zu brillantem Glänzen.

    Rick Wakeman, der früher der Rockgruppe „Yes“ als Keyboarder angehörte, war mit dem ausufernden Stück „Judas Iscariot“ in einem Arrangement von Marco Lo Muscio vertreten, bevor der Organist zu seinen „Visions from Minas Tirith – The White Tree“ in Anlehnung an Tolkiens „Herr der Ringe“ ansetzte. Diese bildhafte Folge entfaltete sich als klangliches Breitbandspektakel, das den weiten Raum der Pauluskirche unter wahre Klangwogen setzte.

    Lo Muscios „Blues for the Common Man“ leitete über zu Keith Emersons „Fantasy on Fanfare for the Common Man by Copland“. Emerson, der in den Siebziger Jahren mit der Band „Emerson, Lake and Palmer” Furore machte, hat die während des Zweiten Weltkriegs komponierte Fanfare von Aaron Copland in ein mitreißendes Stück Rockmusik eingebunden, und Marco Lo Muscio gelang es wiederum, diesen Hit so für die Orgel zu adaptieren, dass der aggressive Rhythmus wie die aufreizenden Bläsersignale sich gegenseitig hochschaukelten – ein packendes Finale für einen Orgelabend abseits der Konvention.

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